Gier

201

Will man die Welt der Gegenwart verstehen, kommt man nicht darum herum, sich mit dem Thema „Gier“ zu befassen. Deutlich wurde mir dies als ich mir den Film Wall Street (Oliver Stone, 1987) anschaute. In einer Schlüsselszene hält darin der Finanzinvestor Gordon Gekko (gespielt von Michael Douglas) eine eindrucksvolle Rede, die in den Worten mündet „Der entscheidende Punkt ist doch, dass die Gier, leider gibt es dafür kein besseres Wort, gut ist. Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.“

Die Worte sind zwar einem Film entnommen, doch treffen sie ins Herz der Welt, in der wir leben. Denn diese Welt ist eingerichtet nach Massgabe einer Selbstdeutung des Menschen, in dessen Zentrum, gut verborgen zwar, aber doch leicht erkennbar, eben dieser Glauben steckt, den Gordon Gekko unverblümt ans Licht bringt: Gier ist gut – das ist die Mitte jener Interpretation des Menschen, die ihren Siegeszug im 17. Jahrhundert antrat und die den Menschen als einen gierigen, zweckrationalistischen und hedonistischen Egoisten deutete. Es war – wohlgemerkt – eine Deutung des Menschen, die damals aufkam, doch irgendwann begannen die Menschen, an dieses Menschenbild zu glauben; sie entwarfen sich danach und richteten die Welt nach seinem Massstab ein. So kommt es, dass wir heute in der Welt des Homo Oeconomicus leben: der Welt, die so gebaut ist, dass der Homo Oeconomicus sich in ihr frei entfalten kann.

Der Motor dieser Welt, so legt es Gordon Gekko nahe, ist die Gier. Mit dieser Sicht steht er auch nicht allein. Tatsächlich hat Wall Street-Regisseur Oliver Stone seinem Filmhelden Worte in den Mund gelegt, die kurz zuvor der Millionär Ivan Boesky kurz vor seiner Verhaftung wegen Insidergeschäften bei einer Abschlussfeier der Haas School of Business aussprach: „Übrigens ist Gier in Ordnung. Ich will, dass ihr das wisst. Ich denke, Gier ist gesund.“ Und schon einer der Gründerväter der modernen Ökonomie, Bernard de Mandeville, reimte „Stolz, Luxus und Betrügerei / Muss sein, damit ein Volk gedeih‘. / Quält uns der Hunger oft auch grässlich, / Zum Leben ist er unerlässlich.“

Und ist es nicht wahr: Rechtfertigt die enorme Wohlstandsvermehrung der Neuzeit nicht diese im Zeichen der Ökonomie erfolgte Umwertung aller Werte? Hat sich die Gier als Motor der Moderne nicht bewährt? Ist Gier nicht wirklich gut, wenn sie es doch schaffte, eine Wirtschaftsordnung zu etablieren, die in der Summe eine nie gekannte Lebensqualität erzeugt hat?

Dass Gier ein starker Motor ist, kann nicht bezweifelt werden. Und dass sie viele Menschen reich gemacht hat, ebenso wenig. Doch ist das nur die eine Seite, denn die Welt des Kapitalisten hat mindestens genauso viele dunkle Flecken: der Raubbau an der Umwelt, das Auseinanderfallen von Gesellschaften, der Hunger in weiten Teilen der Welt, Kriege, Terror, Depression. Doch wäre es zu einfach, für all das die Gier zur Rechenschaft zu ziehen. Was bliebe uns als Motor, wenn die Gier nicht wäre oder wenn wir sie uns verbieten wollten? Würde uns nicht eine kostbare Energie verlorengehen?

Man muss die Gier verstehen, um auf diese Fragen antworten zu können. Gier ist nicht böse, aber Gier ist auch nicht gut. Was ist sie dann? Sie ist flach, sie ist unreif, sie ist klein – und sie generiert eine flache Welt der Oberflächlichkeit, sie generiert ewig pubertäre Manager/-innen und kleine Verbraucher-Seelen: die Welt des Homo Oeconomicus. Das eigentliche Problem liegt darin, dass Gier kultiviert werden muss, um dem Menschen zum Guten zu gereichen. Sie muss erwachsen werden, reifen – und das kann sie nur, wenn sie ein Ziel und eine Grenze hat; und zwar ein Ziel und eine Grenze, die dem Leben dienen. Nicht die Gier an sich ist das Problem, sondern ihre Grenzenlosigkeit und Ungebundenheit, die sie nur um sich selber kreisen lassen.

Eros ist eine starke Kraft im Leben eines Menschen; ja, er ist die stärkste Kraft; und in der Tat wohnt auch dem Eros die Begierde inne, die den von ihm beseelten Menschen treibt. Doch Eros strebt in Wahrheit nicht nach Geld und Ruhm, sondern nach voll erblühtem Leben und nach Schönheit. Eros, der zu sich selbst gekommen und erwachsen geworden ist, begehrt nicht grenzenlos, da ihm das Leben selbst die Grenze gibt: Er steht im Dienst des Lebens, und er will das Leben ganz lebendig machen.

Dieser Impuls steckt eigentlich in aller Gier – und Lebenskunst bedeutet, ihn zu sich zu befreien, anstatt im grenzenlosen Egoismus eines modernen Homo Oeconomicus zu verkümmern. Der grosse Irrtum der Moderne war es, den Eros zu profanisieren: seine spirituelle Dimension zu leugnen und ihn als blosse Gier vor den Karren der Ökonomie zu spannen. Diese verborgene Perversion des Eros ist der heimliche Grund der heute sichtbaren Perversion der Welt des Homo Oeconomicus. Was wir statt ihrer bräuchten, wäre eine nicht von Gier, sondern von Eros beflügelte Ökonomie: eine Ökonomie, die sich rückgebunden weiss ans Mass des Lebens – eine erotische Ökonomie, die sich die treibende und klärende Kraft des Eros nutzbar macht, um dem Leben auf Erden zu dienen und es zu entfalten. Die Kraft dieser Ökonomie wird der heutigen Wirtschaftskraft nicht nachstehen. Im Gegenteil: Sie wird sie überflügeln, denn ihr Wachstum wäre nicht mehr nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ: mehr Leben, mehr Schönheit, mehr Liebe.

Eine Utopie oder nicht?