Jenseits von Optimismus und Pessimismus

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„Vertrauen auf das Potenzial des Menschen.“
Was hoffen lässt, ist unsere Fähigkeit zu radikalem Wandel.

Was bist du?

Wir alle sehnen uns nach Optimismus. Wir freuen uns, wenn einer kommt, der uns versichert: „Jawoll, wir schaffen das“. Wir wollen gerne zuversichtlich in die Zukunft schauen, denn nur, wo uns der Horizont, auf den wir zugehen, verheißungsvoll erscheint, fühlen wir uns motiviert und voller Tatendrang. Was läge näher als dem Dalai Lama zuzustimmen, wenn er sagt, nichts sei für unser Fortkommen so wichtig wie Optimismus. Und umgekehrt darf Kopfschütteln erwarten, wer mit Flaubert behaupten möchte, dass „Optimist“ ein „anderes Wort für Dummkopf“ ist.


Wir alle sehnen uns nach Optimismus, vor allem dann, wenn es zum Optimismus wenig Anlass gibt: wenn Krisen über uns hereinbrechen, wenn Kriegsgeschrei die Welt erfüllt, wenn wir um unseren Wohlstand bangen, wenn sich die Dinge schneller ändern, als wir denken können. In solchen Zeiten fällt es vielen schwer, daran zu glauben, dass sich alles noch zum Guten wandelt. Denn das Gute scheint in der Vergangenheit zu liegen. Es zerrinnt in unseren Händen. Was an seine Stelle tritt, macht Angst und ist verstörend. In solchen Zeiten neigt der Mensch dazu, ein Pessimist zu sein – und sehnt sich umso glühender nach Optimismus.

Die Zeit, in der wir leben, ist so eine Zeit. Sie macht es einem leicht, ein Pessimist zu sein. Doch zeigt man sich als solcher, wird an wenig Freunde finden, denn der Menge dürstet nach dem Gegenteil. Wen etwa Sorgen ob der Digitalisierung plagen, wird damit wenig Gegenliebe finden; während jedem, der das Heil der Menschheit in Robotik und Computertechnik predigt, der Applaus der Dürstenden gewiss ist. Und wer mit alles Philosophen den Weltgeist auf dem graden Weg ins Paradies vermutet, darf eher mit Gefolgschaft rechnen als jemand der einst den Untergang des Abendlands verhieß.

Es ist nicht unnütz, diese Dialektik zu durchdenken. Es schützt davor, zu rasch und unbedacht der Sehnsucht nach dem Optimismus zu erliegen. Das ist gefährlich, denn es verleitet dazu, sich dem aktuellen Trend zum Postfaktischen anzuschließen: Man blendet die Fakten aus und schafft sich eine Welt, so wie sie einem gefällt – die einen optimistisch stimmt, ja – schlimmer noch – die einem eben deshalb auch als wahr erscheint, weil sie den eigenen Wünschen und Interessen Rechnung trägt. Wer solches tut, sieht die Welt durch rosa Brillengläser; wer solches tut, den rühmt man gern als Optimisten. In Wahrheit aber sitzt er Illusionen auf.

Die Frage ist, ob es in unserer Gegenwart auch dann Grund gibt, optimistisch in die Zukunft zu schauen, wenn man sich der Realität stellt: der Realität des Klimawandels, der Realität einer digitalen Diktatur der Märkte, der Realität globaler Flüchtlingsströme, der Realität des Hungers, der Realität eines neuen Faschismus an den Grenzen Europas, der Realität eines Niedergangs kultureller Schaffenskraft in der westlichen Welt. Die Antwort lautet: Nein. Wenn all diese Trends sich fortsetzen, dann gibt es keinen Grund zum Optimismus, dann gibt es allenfalls noch Grund zur Sehnsucht nach dem Optimismus.

Wer heute Optimist sein möchte, muss aus anderen Quellen schöpfen. Wo diese Quellen liegen können, sagt ein Wort des Philosophen Martin Heidegger. Als man ihn 1966 fragte, ob er einen Ausweg aus den Gefahren des Atomzeitalters wisse, sagte er: „Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Man kann das pessimistisch finden, doch genau das ist es nicht. Im Gegenteil: Aus diesen Worten spricht ein tiefer Optimismus, der darauf baut, dass immer alles anders werden kann – ein echter Optimismus, der auf die Kraft des Geistes baut, und nicht aus einer selbstgewissen, stolzen Hybris meint, mit Technik, Strategie und Willenskraft die Welt zum Guten zu verwandeln; der radikal mit einem neuen Anfang rechnet, der nicht gemacht ist, sondern der uns widerfährt – für den wir uns empfänglich oder offen halten sollten, doch den wir nicht aus eigener Kraft erzwingen können.

„Es ruht noch manches im Schoß der Zeit, was zur Geburt will“, sagte einst William Shakespeare – und legte mit diesem Wort das Fundament für jeden echten Optimismus, der darauf baut, dass Menschen in sich Potenziale tragen, die lang noch nicht entfaltet sind. Optimistisch darf man sein, wenn man den Menschen nicht als Homo Faber sieht, der sich von seinem Willen zur Macht eine glorreiche Zukunft erhofft, sondern als Homo Ludens: als spielenden Menschen, der ob seiner Begeisterungsfähigkeit, Kreativität und schöpferischen Leidenschaft die Kraft zu einem radikalen Wandel findet.

Mit herkömmlichem Optimismus hat das nicht so viel zu tun. Eher mit Vertrauen in das Potenzial des Menschen. Von daher spricht manches dafür, dem alten Nietzsche beizupflichten, als er sagte: Weg mit den bis zum Überdruss verbrauchten Wörtern Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt von Tag zu Tage mehr: nur die Schwätzer haben sie jetzt noch so unumgänglich nötig.

Sei und bleib OPTIMISTISCH.

Text und Autor: DR. PHIL. CHRISTOPH QUARCH

Illustration: Neubeginn.ch

Webseite des Autors: http://www.christophquarch.de

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