Unvergessliche Geschichten

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Traurigkeit und Wut

In einem zauberhaften Königreich, das der Mensch niemals betreten wird oder das er womöglich ständig durchquert, ohne sich dessen bewusst zu sein …In einem Zauberkönigreich, wo die unsichtbaren Dinge wieder Gestalt annehmen …

War einmal ein …

… wunderbarer kleiner See.

Es war eine Lagune von glasklarem Wasser, in dem sich tausenderlei Grüntöne spiegelten, und Fische schwammen darin in allen Farben dieser Welt. In diesem klaren Zaubersee wollten die Traurigkeit und  die Wut in stiller Eintracht ein Bad nehmen. Die beiden legten ihre Anzüge ab und stiegen nackt ins Wasser. Die Wut, die es – wie immer – grundlos eilig hatte, nahm ein schnelles Bad, und genauso schnell war sie dem Wasser auch schon wieder entstiegen. Doch die Wut ist blind, zumindest weiss sie sich in der Realität nicht so gut zurechtfinden, also zog sie,  splitternackt und in Eile, beim Herauskommen den erstbesten Anzug an, den sie zu fassen bekam. So geschah es, dass sie nicht in ihren eigenen, sondern

in den Anzug der Traurigkeit geschlüpft war.

Und als Traurigkeit wieder verkleidet, ging die Wut davon. In aller Ruhe und Bedächtigkeit, bereit, wo sie sich gerade aufhielt, auch ein wenig zu verweilen, beendete die Traurigkeit ihr Bad, und ohne auch nur einen Gedanken an die vergangene Zeit zu verschwenden, stieg sie langsam und behäbig aus dem Wasser. Am Ufer bemerkte sie, dass ihre Kleider nicht mehr da waren. Wie wir alle wissen, gibt es kaum etwas, das der Traurigkeit unangenehmer wäre als ihre Blösse. Also zog sie die einzigen Kleider an, die sie finden konnte: den Anzug der Wut.

Man erzählt sich, dass man seitdem manchmal auf eine blinde, grausame, furchtbare und hemmungslose Wut stösst. Aber nimmt man sich die Zeit und schaut etwas genauer hin, so wird man bemerken, dass diese Wut nur eine Verkleidung ist und dass sich hinter dieser

Verkleidung in Wahrheit die Traurigkeit verbirgt.

 

 

 

In Kürze

Heute bei Tagesanbruch wurde ich geboren, verlebte meine Kindheit am Morgen, und  über Mittag hatte ich bereits meine Jugend verbracht.

Es erschreckt mich nicht, dass meine Zeit  so schnell vergeht. Doch beunruhigt mich  ein wenig der Gedanke, dass ich vielleicht  morgen schon zu alt bin, das zu tun, was ich aufgeschoben habe.

aus „Geschichten zum Nachdenken“

von Jorge Bucay 

 

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